Wenn sich die beruflichen Perspektiven ändern: Mein Weg von der Kinderintensivpflege in die historische Pflegeforschung

Wenn sich die beruflichen Perspektiven ändern: Mein Weg von der Kinderintensivpflege in die historische Pflegeforschung

Kennt ihr das? Ihr habt eigentlich einen genauen Plan vom Leben und eurer beruflichen Zukunft und dann kommt doch alles anders als ihr dachtet?

Mein Name ist David. Ich bin seit 2019 in der ambulanten Kinderintensivpflege tätig. Bevor ich meinen Weg in die Pflege fand, war Lehrer mein Berufswunsch. Während meines Pädagogik-Studiums merkte ich jedoch, dass sich dieser Weg für mich nicht richtig anfühlte und so schlug ich einen anderen beruflichen Weg ein. Die Covid-Pandemie, die uns alle beruflich wie privat herausforderte, ermöglichte mir als positiven Nebeneffekt, Weiterbildungen online zu absolvieren (Basiskurs außerklinische pädiatrische Beatmung, Pädiatrische Palliative Care, Pain Nurse). Dies förderte aktiv meine Lust am Lernen und der persönlichen wie auch fachlichen Weiterentwicklung.

Mein Herz schlägt für die historische Pflegeforschung

Obwohl ich nach meinen Erfahrungen im Pädagogikstudium nicht noch einmal studieren wollte, entschied ich mich schlussendlich doch für den Bachelor Pflege/Pflegeleitung an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Ein Fernstudium, mit drei Präsenzwochen je Semester und einer „Klausurenwoche“.

Die meisten Mitstudierenden kommen aus dem Management, Stationsleitungen oder Pflegedienstleitungen. Einige andere haben ihren Fokus im Projektmanagement (bspw. Digitalisierung) und andere verfolgen ähnliche Ziele wie ich. Das Studium bietet die Möglichkeit, eine fundierte wissenschaftliche (Grund-) Ausbildung als berufsbegleitenden Studiengang zu absolvieren, um den Bachelor of Science zu erhalten. Des Weiteren kann beim Land Thüringen nach erfolgreichem Abschluss die Weiterbildung zur Pflegedienstleitung und zum Praxisanleiter beantragt werden.

Mein Herz schlägt seit dem Studium vor allem für ein Thema: die historische Pflegeforschung, die mir sehr viel Freude bereitet. Ich möchte irgendwann gern unterrichten oder forschen und die Pflegeprofession damit aktiv mit vorantreiben. Ich möchte mich gern stetig weiterentwickeln, lernen und gern auch einiges von dem Gelernten an die nächsten Generationen weitergeben. Daher sehe ich mich nach meinem Abschluss nicht im Pflegemanagement. Außerhalb der Pflichtveranstaltungen habe ich mich im Studium besonders mit Palliative Care und historischer Pflegeforschung beschäftigt. Die Quellenarbeit in der Geschichte hat etwas von einem Detektivspiel, immer auf der Spur nach noch unentdeckten Zusammenhängen. In meiner Bachelorarbeit beschäftige ich mich u. a. mit Florence Nightingale und ihren „Notes on Nursing“. Dazu erforsche ich einige Mediziner, die um 1900 Krankenpflege als wissenschaftliche Disziplin der Medizin etablieren wollten.

Das Studium hat zu einem Perspektivwechsel geführt

Durch den Austausch mit meinen Mitstudierenden hatte ich die Möglichkeit, Einblicke in andere Bereiche der Pflege erhalten zu können. Pflegeheim, Intensivstation, Reha-Einrichtung, Herzkatheterlabor, Digitalisierung. Das Studium hat meine Perspektive in manchen Bereichen verändert, wie zum Beispiel der Blick auf das Management in der Pflegebranche. Management ist ein Aushandlungsprozess zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen – sowohl auf organisatorischer Ebene als auch auf individueller Ebene der Mitarbeiter*innen, kleinen Patient*innen und deren Familien. Die Balance ist nicht einfach, jedoch haben alle Bedürfnisse ihre Berechtigung und müssen immer wieder gegeneinander abgewogen werden. Ich verstehe mittlerweile einmal mehr, dass Management manchmal schwere Entscheidungen treffen muss. Wenn man lange in seiner eigenen „Bubble“ ist, hilft der Blick in die anderen Versorgungsbereiche, übergeordnete Probleme und Chancen zu erkennen. Für mich ein absoluter Mehrwert meines Studiums.

Für Wissbegierige geht es weiter: Nach dem Bachelor folgt der Master

Zusätzlich zum Bachelor bietet die Ernst-Abbe-Hochschule Jena auch den Master Pflegewissenschaft/Pflegemanagement im Fernstudiengang an (mit den Spezialisierungen: „Advanced Nursing Practice“ (APN) und „Case Management in Healthcare“). Ich möchte gern den Schwerpunkt „ANP“ absolvieren. Akademisierte Pflegefachkräfte, ANPs noch mehr, sind in Deutschland noch nicht an der Tagesordnung. Sobald die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, können ANPs aber immer mehr Aufgaben im Versorgungssystem übernehmen. Andere Länder sind uns da weit voraus.

Für mich geht es somit nun an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena im Masterstudiengang weiter. Ob erweiterte Pflegepraxis, Forschung, Lehre – egal wohin mich mein Weg am Ende führt, ich bin da relativ offen. Ein Studium zu absolvieren ist mit großem Aufwand verbunden, mit Energie und Fleiß und auch mit Entbehrungen. Nie hätte ich gedacht, dass es mich so begeistert, noch einmal über viele Jahre zu lernen. Aber das Wissen, die Erfahrung, das persönliche Wachsen sind es mir mehr als wert. Ich würde mir übrigens mehr Studierende in der Pflege wünschen, da ich denke, dass sie v. a. die Pflegequalität durch das Voranbringen des Evidence-based Nursing (EBN) verbessern könnten. Pflege soll sich heute nicht mehr auf bloße Gewohnheiten oder Traditionen stützen, es benötigt ein Zusammenspiel aus dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung mit der praktischen Expertise der Pflegefachkräfte und den individuellen Bedürfnissen des  Patienten und der Patientin. Gelingt uns dieser Standard irgendwann in ganz Deutschland, sind wir in der Lage, Patient*innen die beste und wirksamste Pflege zukommen zu lassen, die ihnen zusteht.

Autor

David F., Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger bei der Mobilen Ambulanten Pflegepartner GmbH & Co. KG – Münchner Kindl, Thüringer Kindl und begeisterter Student im Studiengang Bachelor Pflege/Pflegeleitung an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena.